Es ist Samstag, der 25.11.2017, ich lausche gespannt dem Küchenradio. Heute findet die Mutter aller Derbys, das Revierderby zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04, statt. Nach nur 20 Minuten steht es 3:0 für den BVB, als bekennender Schalke-Fan schalte ich wutentbrannt und fluchend das Radio aus. Scheiß Fußball. Als ich im Internet feststelle, dass die Mannschaften mit einem Halbzeitstand von 4:0 in die Kabine gehen, schließe ich mit dem Spiel ab. Hätte ja klappen können.

Es ist das 91. Bundesliga-Aufeinandertreffen der rivalisierenden Clubs. Diese Begegnung ist nie ein gewöhnliches Spiel, es spaltet das Ruhrgebiet, lässt Freunde zu Rivalen werden und ist mehr Religion als Sport. Und auch das heutige Aufeinandertreffen wird alles andere als gewöhnlich werden.

Einen Kaffee und ein Stück Kuchen später schaue ich aufs Handy, eine Stunde ist gespielt, es steht nur noch 4:1, immerhin ein kleiner Ehrentreffer. Doch dabei soll es nicht bleiben: wenige Minuten später steht es 4:2. Ich schalte das Küchenradio wieder an, dieses Spiel kann ich mir nun doch nicht entgehen lassen. Angespannt lausche ich den Stimmen aus dem Stadion. Schalke kämpft und will nicht aufgeben, die Reporterin ist außer sich, das Spiel entwickelt eine Eigendynamik.

Dieses Fußballspiel wird in zahlreiche Länder, auch über der Grenzen Europas hinweg, übertragen. Millionen von Fußballfans fiebern mit. Denn in den Begegnungen zwischen diesen beiden Clubs zählt nie, was zuvor geschah. So war die Ausgangslage für den BVB beim Aufeinandertreffen im Mai 2007 denkbar schlecht, Schalke hingegen trat als Tabellenführer an, verlor aber trotzdem 2:0 – und verspielte somit zugleich die langersehnte Meisterschaft.

Doch verspielen tut gerade nur der BVB und zwar seine deutliche Führung. Es fällt das 4:3 – der Wahnsinn! Mangelnden Kampfgeist kann man den Schalkern nicht vorwerfen. Ich stehe angespannt vorm Küchenradio, die Reporterin kann keinen Satz sprechen, ohne dass ihre Stimme sich überschlägt, hier liegt etwas Großes in der Luft. Eine Chance folgt der nächsten, meine Nerven liegen blank. Der Linienrichter verkündet eine Nachspielzeit von sieben Minuten, da geht noch was, ich falte die Hände und sende Stoßgebet gen Himmel aus.

Das Derby schreibt seine eigenen Geschichten. Da wäre zum Beispiel die des kürzlich verstorbenen Friedel Rausch, der 1969 von einem Polizeihund auf dem Spielfeld gebissen wurde. Aufgrund der frühen Schalker Führung stürmten euphorische Fans den Platz und die Polizei musste eingreifen – mit historischen Folgen. Oder die Geschichte des Jens Lehmann, der 1997 in letzter Minute den Ausgleich für Schalke köpfte und somit den ersten Treffer eines Torhüters aus dem Spiel heraus erzielte. Und auch dieses Derby wird noch Geschichte schreiben.

Endspielatmosphäre liegt in der Luft. Und dann passiert das für Unmöglich gehaltene: Schalke erzielt das 4:4, Fans, Trainer, Spieler und Reporterin können sich nicht mehr halten, ich mache Freudensprünge und schreie vor Freude. Die Königsblauen haben das Spiel innerhalb einer halben Stunde gedreht. Dann der Abpfiff und das Spiel ist aus. Ich kann mein Glück kaum fassen. Innerhalb der letzten paar Minuten wurde Fußballgeschichte geschrieben, ein Derbyrekord aufgestellt. „Davon werden Sie noch Ihren Enkeln berichten!“, verkündet das Radio. Ich nicke, oh ja, das werde ich!

Denn an diesem Samstagnachmittag ist das passiert, was den Fußball am Leben hält und abseits von WMs in Katar, korrupten FIFA-Funktionären und absurden Ablösesummen doch noch etwas Hoffnung spendet. Leidenschaft, Kampfgeist und (an dieser Stelle ist der folgende Begriff ausnahmsweise kein inflationär eingesetztes Superlativ, sondern eine treffende Beschreibung) pure Emotionen. Fußball bringt mich zum Jubeln, Verzweifeln und Weinen, zum Fluchen und Freuen, Lieben, Hassen und Glücklichsein. Fußball ist mehr als nur ein Sport und das Derby ist mehr als nur ein Bundesligaspiel. Nachdem ich jedem Interview gelauscht habe, schalte ich zufrieden das Radio aus. Was für ein geiler Spieltag! Es gibt ihn also doch, den Fußballgott.

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