In meiner Merkliste auf Netflix befinden sich 37 Filme und Serien, ich besitze zwei Kochbücher, in die ich noch keinen einzigen Blick geworfen habe, neben meinem Bett liegen vier Magazine, die ich noch zu Ende lesen möchte, ich habe drei Prüfungstermine auf einen einzigen Tag datiert, zwei Hausarbeiten warten noch darauf, geschrieben zu werden. Man könnte festhalten: ich habe viel zu tun. Während ich die Notizfelder meines Terminkalender mit ellenlangen to-do-Listen fülle, platzt mir fast der Kopf und selbst, wenn ich abends den Stift niederlege und den Laptop herunterfahre, weil ich nicht mehr arbeiten kann und mein Kopf nur noch Matsche ist, bin ich nicht entspannt. Denn mein Alltag fühlt sich an wie ein Karussell. Tagsüber dreht es sich manchmal so schnell, dass ich mich festhalten muss und die Welt nicht mehr klar erkenne, alles verschwimmt, ich kann nicht absteigen. Irgendwann fährt der lustige Mann im Kirmeshäuschen einen Gang herunter und während die anderen Leute ab- und aussteigen, sich der Außenwelt widmen, bleibe ich sitzen. Das Karussell rotiert weiter, es stoppt einfach nicht und ich fahre immer noch mit.

Unsere Gesellschaft hat durch Konzepte wie G8 oder Bachelorabschlüsse in sechs Semestern, Kapitalismus und 40-Stunden-Wochen zu einem Schneller-Höher-Weiter-Denken geführt, das sich immer tiefer in unseren Köpfen verankert. Nicht ohne Grund entstehen Begriffe wie Burn-Out und auch, dass zunehmend junge Leute davon betroffen sind, ist kein Zufall. Wie soll man auch Zeit für sich selbst finden, wenn einem von Politik und Wirtschaft stets vermittelt wird, man müsse nicht nur am besten, sondern auch am schnellsten sein? Wenn man für Praktika Berufserfahrung und Auslandsaufenthalte benötigt, aber die Regelstudienzeit einhalten soll?! Entspannung ist schwieriger denn je!

Die wenige Freizeit, in der ich neben all dem Stress entspannen könnte, hat sich zu einer Aufgabe, die es zu bewältigen gilt, entwickelt und ist inzwischen nichts anderes als eine imaginäre to-do-Liste. Ich kann nicht faulenzen oder mich treiben lassen, weil die Kochbücher, Magazine und Netflix-Merkliste meinen Namen rufen und nur darauf warten gelesen, geschaut und abgearbeitet zu werden. Hierbei gilt es genau wie im Beruf oder Studium, keine Zeit zu verlieren, möglichst viel in möglichst wenig Zeit zu schaffen. Effektives, ökonomisches Handeln hat meine Freizeitgestaltung eingeholt.

Doch wie komme ich von diesem Karussell herunter, wo ist der Stopp-Knopf? Ich habe keine Lust mehr, abends noch immer meine Runden drehen zu müssen und nichts in der verschwommenen Außenwelt zu erleben. Ich möchte anhalten, absteigen, durchatmen. Bisher habe ich diesen Knopf noch nicht gefunden. Aber ich werde weitersuchen – und meine Netflix-Merkliste löschen, denn was ich wirklich anschauen möchte, weiß ich auch so. Vielleicht ist das ein erster Schritt, um sich von dem Erledigungsgedanken zu entfernen. Vielleicht strecke ich mein Bein aus und lasse es über den Boden schleifen, in der Hoffnung, dass das Karussell langsamer wird und ich vorsichtig absteigen kann. Vielleicht ist das ein erster Schritt in Richtung Stopp-Knopf.

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