Die Engel sind bereit, die Musik startet, Harry Styles beginnt zu singen, Candice Swanepoel stolziert los – und ich greife in meine Chips. Ich sehe mir die 22. Modenschau des Dessouslabels Victoria’s Secret an. Die pompös inszenierte Show, bei der die Models mit gigantischen Engelsflügeln und Schleifen über den Laufsteg schweben, wird seit 2001 im amerikanischen Fernsehen übertragen. Millionen Zuschauer weltweit verfolgen das Prime-Time-Event vor den Fernsehbildschirmen oder im Internet. Victoria’s Secret hat eine enorm hohe Reichweite – auch außerhalb der Modewelt. Nicht nur Fashionblogger und Vogue-Redakteurinnen verfolgen die Show, auch vermeintliche Normalos sind interessiert. Die Präsentation der neuen Lingerie-Kollektion findet nicht im Rahmen einer Fashionweek statt, sondern wird als einzelnes Riesen-Event inszeniert. Große Arenen sind der Schauplatz, wenn neben den vermeintlich schönsten Frauen der Welt die Stars der Musikbranche auftreten und die Präsentation musikalisch untermalen. 2014 fand diese erstmals im Ausland statt, die ohnehin schon umfangreiche Berichterstattung weitete sich auf die, als fröhliche Klassenfahrt inszenierte, Reise aus. In diesem Jahr fand das Spektakel in Asien, in der Mercedes-Benz Arena Shanghai, statt, was vorwiegend wirtschaftlichen Gründen geschuldet war.

Eigentlich wollte ich mir diese Show überhaupt nicht ansehen, der Medientrubel und Hype im Vorhinein waren mir enorm auf die Nerven gegangen. Wochenlang konnte man kein soziales Netzwerk nutzen und der anstehenden Modenschau entkommen: Auf YouTube erschienen Videos, die den Entstehungsprozess der Kollektion erläuterten, die Klatschpresse spekulierte, welche Models nach den Castings wirklich laufen würden und mein Instagram-Algorithmus schlug mir andauernd Schnappschüsse der Models vor. Doch gerade diese enorme Aufmerksamkeit, die diverse Medien der Show widmeten und mich somit täglich an das bevorstehende Ereignis erinnerten, brachten mich dazu, doch mal reinzuschauen. Es war, als ob man sich dieser Show nicht entziehen konnte. Hut ab, Victoria’s Secret, gutes Marketing!

Was ich nun erblicke, sind super schlanke, große und durchtrainierte Frauen, die mir Luftküsse zuwerfen und lasziv in die Kamera zwinkern. Ich werde neidisch und sauer zugleich. Wie viele junge Mädchen sehen sich diese Sendung an und bekommen das Gefühl, genauso schlank und gestylt sein zu müssen? Vermutlich sehr viele. Victoria’s Secret zelebriert die Körper ihrer sogenannten Engel mindestens genauso so sehr wie die Unterwäsche selbst. Bei keiner anderen Modenschau wird so viel über die Models diskutiert. Auch deswegen glaubte ich, mir diese Modenschau unbedingt ansehen zu müssen: Die Frauen werden als große Familie vermarktet, Adriana, Karlie und co. als deine beste Freundin. Victoria’s Secret ist wie eine große, bunte Familienfeier, bei der alle gut gelaunt und super sexy sind.

Es ist paradox: Ich lehne übertriebenen Schlankheitswahn und die Vermarktung utopischer Körperideale ab und wäre gleichzeitig selbst gern ein Engel: Teil dieser vilefältigen Großfamilie, attraktiv und erfolgreich. Doch während ich mir die Show ansehe, wird mir klar, dass ich so niemals sein werde. Ich bin zu klein, zu untrainiert und zu breit, trotzdem bin ich nicht dick oder unsportlich. Ich entspreche einfach nicht dem Victoria’s-Secret-Körperideal und das ist auch nicht schlimm, sage ich mir, so geht es doch mindestens 95% der Frauen an meiner Stelle. Man muss sich ins Gedächtnis rufen, dass die Körper der Engel kein Standard, sondern das Ergebnis guter Gene, langer Diäten und anspruchsvoller Workouts sind. Es fällt mir nicht leicht, mich daran zu erinnern, dass ich kein Model bin und dementsprechend nicht so aussehen muss. Hier laufen Frauen mit Ausnahmekörpern! Ich hingegen habe einen gesunden, aber keinen Ausnahmekörper. Ich muss nicht mit Flügeln und High Heels in Unterwäsche auftreten und dabei mein glänzendes Haar lachend über die Schulter werfen. Das hier ist Show, Inszenierung, Unterhaltung – eine Dauerwerbesundung. Nach einer Dreiviertelstunde habe ich meine Süßigkeitenvorräte eliminiert und schalte den Laptop aus. Das war unterhaltsam, belanglos und kurzweilig, abstoßend und anziehend zugleich. Aber am Ende des Tages war es doch nur eine pompöse hergerichtete Unterwäschen-Modenschau. Nicht mehr und nicht weniger.

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